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KILIMNJARO
Seiteninhalte:

Vorbeiflug am Kili
Einleitung

Fotos vom Kili ab 2002

Bericht einer Besteigung
(J. Besser 2003)


Fotos vom Gipfelcamp
2005


Vulkanreisen zum Kili

Links
Vulkane Tansanias

Kilimajaro

Der Vulkan Kilimandjaro ist mit 5895 Metern (Kibo-Spitze) der höchste Berg Afrikas. Mit seiner Entstehung, die vor nicht einmal einer Million Jahren begann, ist dieser ”Gigant” aus geologischer Sicht noch relativ jung. Konzentrische und teilweise mit Gletschern bedeckte Kraterterrassen, die durch das Kollabieren des Kibo-Kraters entstanden sind, kennzeichnen eindrucksvoll die letzten großen Ausbrüche im Holozän.


Unser Arrow Glacier Camp Vom Reusch Krater  Blick nach Westen Der Reusch Krater
Der Vulkan Meru vom Gipfel des Kili gesehen
Ein paar Bilder vom "Dach Afrikas", dem Kilimanjaro. Ein Flug zur Spitze ist einfacher als ein Aufstieg, der auf der schönsten Route 6 Tage dauert.

Karte Kili und Meru

Die Gegend von Arusha mit Mt. Meru (Arusha Nat. Park) bis zum Kilimanjaro inklusive Trekking Routen (c) C. Weber, VEI.

Der Bericht unserer Kilimanjaro Besteigung 2003 von Jürgen Besser (Mitwirkung: Thomas Schulmeister) ist fesselnd und irre spannend. Eben so, wie es in der Wirklichkeit ist. Aber lest selbst! Der Link zur Webside von Thomas Schulmeister steht weiter unten.

KILIMANJARO 2003

Reistagebuch und Erlebnisbericht einer West-Ost-Überschreitung von Jürgen Besser

PROLOG

Die vielen Vulkane entlang des Ostafrikanischen Grabens, einer über 6.000 km langen Störungszone vom Jordantal im Nahen Osten bis zu seinem Auslaufen im Sambesifluss südlich Mozambiques, sind auf Brüche bei der Bewegung der Erdkruste zurückzuführen. Das durch diese Risse aufsteigende Magma hat teilweise den Graben aufgefüllt und anderenorts so mächtige Vulkane wie den Kilimanjaro entstehen lassen. An diesem hohen Vulkanriesen kann man mit staunenden Augen die unterschiedlichsten Vegetationszonen bewundern: die fruchtbare Anbaufläche, den unvergleichlichen tropischen Regenwald, die abweisend wirkende Moor- und Heideregion, die kahle Mondlandschaft der Sand- und Steinwüste sowie die alpine Zone, die sich bis ins ewige Eis der Gipfelregion erstreckt.

Der Kilimanjaro, dessen vulkanische Tätigkeit durch die drei Eruptionszentren Shira, Kibo und Mawenzi dokumentiert wird, ist mit 5.895 m (Kibo-Spitze) der höchste Berg Afrikas. Er gehört zu den "Seven Summits", gilt als größter freistehender Berg der Welt und ist im Laufe der Jahre zu einem Anziehungspunkt für Bergwanderer aller Kontinente geworden. Mit seiner Entstehung, die vor nicht einmal einer Million Jahren begann, ist dieser "Gigant" aus geologischer Sicht noch relativ jung. Konzentrische und teilweise mit Gletschern bedeckte Kraterterrassen, die durch das Kollabieren des Kibo-Kraters entstanden sind, kennzeichnen eindrucksvoll die letzten großen Ausbrüche. In der religiösen Welt der an den Hängen des Kilimanjaro lebenden Volksgruppe der Chagga ist der Kibo ein heiliger Berg, der die Quelle allen Lebens darstellt.

Wir sind bereits seit vierzehn erlebnisreichen Tagen in Tanzania. Wir, das sind: Chris (Jhg. 1966, Gründer von Vulkan Expeditionen International und 'Reiseleiter' unserer Trekking-Tour "Serengeti-Vulkane"), Peter (Jhg. 1953, Chemiker, aus der Nähe von Plauen), Thomas (Jhg. 1950, Mathematiker, aus Berlin) und ich (Jürgen, Jhg. 1955, Volkswirt, vom südlichen Stadtrand von Mainz). Hinter uns liegen vier wundervolle Tage auf dem dauertätigen Vulkan Oldoinyo Lengai, dem heiligen Berg des Masai Gottes Engai. Wir konnten die einzigartige Tierwelt Ostafrikas am Lake Natron und Lake Manyara sowie im Ngorongoro Krater und Arusha Nationalpark bewundern. Und wir haben den Mount Meru mit einem ungewöhnlichen Routentiming "bezwungen". Doch das sind andere Geschichten.

RIVERTREES COUNTRY INN

Heute ist Donnerstag, der 10. Juli 2003, und wir sind im Rivertrees Country Inn, einem zur Lodge umgebauten ehemaligen Farmhaus, das in einer parkähnlichen Anlage mit altem Baumbestand liegt - was für ein Traum! Ich habe extra wegen meiner Körperlänge (1,96 cm) ein Superzimmer (Cottage No.1) mit einem 2x2 m Bett bekommen. Der viele Platz lädt ein und ich breite meine gesamten Trekkingsachen, verteilt auf Tischen und Stühlen, aus, um alles zu sortieren und für die "letzten" Tage neu einzupacken. Wir sind soeben luxuriös Abendessen im "grünen Salon", d. h. auf der überdachten Veranda der Lodge, und genießen die beschauliche Ruhe und den Service. Von diesem Erlebnis gilt es die kommenden Tage zu zehren. Eigentlich hätte ich jetzt Lust, hier einige Tage zu erbringen, aber nach unserem heutigen Zwischenstopp geht es morgen auf die ultimative Tour: 6 Tage Kilimanjaro.

Chris hat zwei Aufstiegsvarianten erarbeitet: (1) Normale Machame Trekking-Route mit Querung über den South Circuit vom Shira Plateau über Barranco zum Barafu Camp und Aufstieg zum Stella Point. (2) Klassische Berg-Route vom Shira Plateau über Barranco zum Arrow Glacier mit Durchstieg des Western Breach. Thomas und mir erscheint nur die Variante über das Barafu Camp, also die normale Machame Trekking-Route, realistisch. Peter ist von der zweiten Variante über Western Breach auch nicht begeistert, denn er habe zu Hause viele "negative" Informationen im Internet gelesen. Mich interessiert zwar diese Berg-Route mit Western Breach, aber ich halte mich zurück. Wir verständigen uns, die Entscheidung, welche Variante wir wählen, zu verschieben und auf unseren Chef-Guide Mathew und dessen Erfahrung als Bergführer zu bauen. Also: Packen wir's an... der Kili ruft!

Aber leider geht für mich der Abend nicht so harmonisch weiter wie er begonnen hat. Ich sitze um 3 Uhr im Bett und halte im Tagebuch meine Sorgen fest: Gegen Mitternacht und um halb 2 Uhr starke, fast krampfartige Unterleibsschmerzen verbunden mit enormen Stuhldrang, schwerer Durchfall. Zu einem ungünstigerem Zeitpunkt, kurz vor der ersten Etappe, hätte das kaum passieren können! Mittlerweile frage ich mich, ob es sich tatsächlich nur um einen einfachen Reisedurchfall ("Montezumas Rache") handelt? Ich fühle mich schlapp und kaputt. Was soll ich machen? Auf den Kilimanjaro verzichten? Ich weiß, dass jetzt zwei Tage Ruhe das Beste wären, aber diesen Gedanken schiebe ich zur Seite. Ich will es wenigstens mit dem Kili versuchen, denn umkehren kann ich immer noch. Ist das Leichtsinn? Zuerst trinke ich viel Wasser mit Elektrolytpulver, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Und ich nehme noch zwei Tabletten, die legen zumindest den Darm still und sorgen für Ruhe... und dann sehe ich weiter!

MACHAME TRAIL

Freitagmorgen ist es draußen düster, kühl und feucht. Alles andere als Afrika, aber es ist ja auch ostafrikanischer "Winter". Mathew, unser Chef-Guide, und Othman, unser Koch, sitzen schon im Landrover, als es um 9 Uhr los geht. Nach und nach klart es am Himmel auf, aber am Boden bleibt alles feucht. Kein gutes Zeichen für die heutige Etappe, meinen Thomas und Chris, die das vom letzten Jahr kennen. Nach kurzer Zeit biegen wir bereits von der Asphaltstrasse Arusha - Moshi auf einen Feldweg ab und zwischen Feldern, Bananen- und Kaffee-Plantagen geht es weiter Richtung Machame Gate. Der anfangs festgefahrene Lehmboden weicht immer mehr auf und verwandelt sich auf den letzten acht Kilometern in eine Schlammpiste. Der Bus vor uns mit einer Gruppe von 15 Tschechen, denen wir noch öfters begegnen werden, hat große Probleme, insbesondere an Steigungen, überhaupt voran zu kommen. Es ist erstaunlich, dass überhaupt noch etwas vorwärts geht, zumal jetzt auch noch Gegenverkehr auftaucht.

Am Machame Gate herrscht ein großes Durcheinander und es ist ziemlich voll, weil nun alle die, die hinter dem Bus hiengen, gleichzeitig hier eintreffen. Bestimmt 40 Touris und über 100 Porter rennen geschäftig umher, was mich sehr irritiert, denn heißt es nicht, auf der Machame Route wäre wesentlich weniger los als auf dem Marangu Trail? Egal, ändern kann ich es sowieso nicht. Wir werden schnell abgefertigt, weil wir wissen, wie die Formalitäten der Nationalpark-Verwaltung ablaufen. Mathew findet die von ihm bestellten Porter, überwiegend Chagga, aber wie immer muss es kurz vor Abmarsch dann doch noch ein Porter mehr sein als vereinbart. Obwohl der Weg hier am Gate ganz passabel und einigermaßen trocken aussieht, legen wir in weiser Voraussicht unsere Gamaschen an.

Gegen 11:30 Uhr marschieren wir endlich los. Chris und Peter gehen zügig voraus. Thomas und ich kommen, wie wir beide es schon zuvor abgesprochen haben, mit Matthew langsam auf dem breiten Forstweg hinterher. Die Steigung ist gemütlich und es ist wunderschön. Aber, um es vorweg zunehmen: Es wird ein Höllentrip. Der Matsch beginnt schon nach einer Stunde Gehzeit, als die breite Piste endet und der eigentliche Trail durch den dichten Regenwald beginnt. Es wird immer finsterer und wir können keine zehn Meter mehr in das seitliche Dickicht sehen, das aus Riesenfarnen und Bäumen besteht, die mit dunkelgrünen Moospolstern und triefenden Flechtenvorhängen bewachsen sind. Zudem ist die Luft extrem feucht, zeitweise tröpfelt es, woher auch immer.

Die Porter überholen uns und gehen oft einfach direkt geradeaus durch den Schlamm. Manche sind barfuss, dabei ist es eher kalt und ungemütlich. Zwar sind die tiefsten "Pfützen" mit Holzästen ausgelegt, aber das ist auch rutschig und kostet immer Kraft und Zeit. Wenn einer direkt vor einem geht, kann man seine Fußstapfen benutzen, falls die Schritte erfolgreich sind. Der Morast ist an manchen Stellen mehr als Knöchel hoch, was ich absolut demoralisierend finde. Die Gamaschen und die Schuhe sind dick mit Matsch verschmiert. Umgestürzte Bäume und riesige freigelegte Wurzeln, alles feucht und äußerst rutschig, versperren den Weg. Immer wieder müssen wir in das Buschwerk des Regenwaldes wechseln und dadurch wird der ohnehin lange Weg noch viel länger. Stunde um Stunde vergeht, und alles natürlich straff bergan. Obwohl wir auf einer Berg-Rippe laufen, die aufgrund des dichten Bewuchses nicht sofort als solche erkennbar ist, und immer höher kommen, bleibt der Weg schlecht. Es nimmt einfach kein Ende.

So schnell gebe ich nicht auf, aber nach 1/3 der Tagesstrecke (ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass noch 2/3 vor mir liegen!) wäre ich am liebsten umgekehrt. Trotzdem muss ich weiter, da mein Gepäck ja schon vor mir mit den Portern unterwegs ist. Mir ist in diesem Moment überhaupt nicht eingefallen, dass ich einen Teil meiner Sachen bei unserem Zwischenstopp im Rivertrees Country Inn zurückgelassen habe. So gibt es scheinbar nur eine Alternative: Weitergehen, egal wie und wie lange. Ich habe das Gefühl mit verklebten Schlammschuhen über Schmierseife zu gehen. Mehr als einmal sinkt ein Trekking-Stock gut 30 cm in den "Schlamm-Boden" ein und beide Stockteller verabschieden sich nacheinander auf nimmer Wiedersehen. Nur mit Glück und mit mehr oder weniger Geschick kann ich verhindern, dass ich kopfüber im Morast lande. Und immer wenn ich glaube, es kann gar nicht schlimmer kommen und gleich wird der Weg besser, hat der Berg eine neue, noch fiesere Überraschung parat. Der Kilimanjaro wehrt sich.

Machame ist der Superlativ von Matsch! Ich fluche manchmal so laut vor mich hin, dass Thomas und Mathew mich hin und wieder irritiert anschauen. Thomas kann mir zwar nicht konkret helfen, aber ich bin nicht so allein mit mir und dem Morast. Eine Stunde vor Ende der Tagesetappe fällt mir das Steigen, insbesondere mit Gepäck, immer schwerer, was Mathew nicht entgeht. Um es noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen, nimmt er meinen Tagesrucksack zusätzlich zu seinem Gepäck, so dass ich etwas entlastet bin. Erst fühlt sich das ganz gut an, aber bereits nach weiteren zehn Minuten ist die bleierne Schwere, mit der ich schon seit längerem kämpfe, zurückgekehrt. Wir verlassen den dichten Regenwald und erreichen den Übergang zur Heide- und Moorzone mit riesigen Erika-Pflanzen, kurz danach endlich das Machame Camp. Es ist kalt, voll, laut, schmutzig und klamm. Thomas und ich haben für die 1.200 Höhenmeter sieben (!) Stunden gebraucht. Geschlaucht sind wir mehr oder weniger alle, aber mir ist wegen der Magen- und Darmprobleme richtig schlecht. Die unerwartete Kili-Probe bestehe ich also gerade so, aber meine Kräfte sind am Ende.

Peter zeigt mir mein Zelt (jeder von uns vieren hat ein eigenes), das dankenswerter Weise schon aufgebaut ist. Das Zelt ist leicht schräg, aber so ist die ganze Gegend. Ich packe meine Matte und meinen Schlafsack aus und kann mich endlich hinlegen. Die trockene Thermo-Unterwäsche funktioniert gut, nur meine Füße bleiben zuerst kalt. Erst gegen 21 Uhr sortiere ich noch einmal kurz meine Sachen, die ich zuvor achtlos im Zelt verstreut habe.

Zwischendurch bringt mir Chris eine Tasse Tee und zwei Toastscheiben, aber zum Essen und Trinken bin ich viel zu kaputt. Den Tee trinke ich, mit Elektrolyt gemischt, dann schluckweise, als er schon kalt geworden ist, und den Toast esse ich irgendwann in der Nacht. Zum Glück bin ich optimal eingepackt, darum kriege ich von den niedrigen Temperaturen nichts mit. Da ich mich nicht aufraffen kann, den Eingang meines Zeltes ganz zu verschließen, wird mein Schlafsack auf der Oberseite bis zum nächsten Morgen klitschnass, denn die neblige Feuchtigkeit kann sich so während der Nacht auf dem Kunststoffgewebe niederschlagen.

SHIRA PLATEAU

Immer dann, wenn ich denke, es geht nicht mehr, geht es doch noch irgendwie weiter. So ist es auch jetzt am Samstagmorgen. Ausgeruht und gut erholt von der Erschöpfung ist es meine erste "Pflicht" ausreichend zu Essen und zu Trinken, um meine Energiereserven und meinen Flüssigkeitshaushalt aufzufüllen. Durch den beruhigenden Trott "Wachwerden, Aufstehen, Zusammenpacken und Frühstück", den wir bei den vorangegangenen Bergtouren am Mount Meru schon eingeübt haben, komme ich gar nicht dazu, rumzugrübeln und mir Gedanken zu machen. Auf keinen Fall will ich zurück durch Schlamm und Morast, sondern nur noch raus aus der Nässe und hin zur Sonne. Es geht einfach weiter... und ich gehe mit!

Abmarsch gegen 8:30 Uhr zwischen sonnenbeschienenen Nebelfetzen, die das Camp gespenstisch erscheinen lassen. Erst jetzt realisiere ich die bizarre Schönheit dieses Zeltplatzes, der inmitten von hohen moos- und flechtenbewachsenen Erika-Stangen liegt. Thomas sagt, dass er die heutige Tagesetappe, die er von der Tour 2002 kennt, sehr mag. Es geht ziemlich steil weiter die gestrige Berg-Rippe hoch und zuerst ist es wieder matschig, so dass die Stimmung bei Peter und mir schnell ziemlich unten ist, während Thomas vor uns munter nach oben strebt und Chris uns wohlgelaunt ein- und überholt. Die Wolken kommen uns hinterher, manchmal sind wir schneller, manchmal sie. So eröffnen sich zunehmend nach rechts und links schöne Fernblicke, und ich erkenne, dass wir uns auf einem sehr steilen Kamm bewegen. Rote Gladiolen und gelbes Johanniskraut leuchten am Wegesrand.

Wir verlassen die Regenwaldzone endgültig und der Bewuchs wird immer niedriger, schließlich fast frei. Nach und nach wird auch der Trail deutlich besser, dafür tritt Fels zu Tage. Obwohl der Weg zum Steig wird und der weitere Verlauf treppenstufenartig ist, komme ich mit bewusst vermindertem Tempo recht gut voran. Nach zwei Stunden sind wir ganz aus der Wolken- und Nebelschicht raus, so dass die wärmende Sonne unsere Gemüter langsam, aber nachhaltig aufhellt. Die ersten großen Senecien (Riesenkreuzkräuter) tauchen auf der linken wasserreichen Kammseite auf. Eine etwa 20 m hohe Steilwand muss steigend, manchmal fast kletternd, überwunden werden. Nackter, fast schwarzer Fels, dunkler Sand, aber auch Strohblumen und farbige Flechten fallen mir auf. In Schattenstrecken unseres Weges gibt es Eisstellen zu beachten, die sich dort wegen der Kühle der Höhe, mittlerweile ca. 3.500 m, bilden konnten.

Der Aufstieg durch diese surreale und absolut stille Landschaft hat ein Ende. Wir erreichen die Kante zum Shira Plateau und ich bewundere die ersten Lobelien. Wir machen an einem herrlichen Aussichtspunkt eine kurze Rast, denn es ist ja nicht mehr weit bis zum Shira Camp und wir sind immer noch vor unseren Portern. Zum ersten Mal sehen wir bewußt den Kibo, denn direkt vor uns liegt bereits der riesige Kegel des Kilimanjaro. Jede Menge Schnee ist oben zu sehen und das ewige Eis der Gletscher glitzert in der Sonne. Immer wieder ein gewaltiger und Ehrfurcht einflössender Anblick. Ich genieße diese wunderschönen Ausblicke und meine Zuversicht ist wieder gestiegen, aber den Kibo-Gipfel halte ich für unerreichbar. Ich entscheide von Tag zu Tag, mehr ist nicht drin. Hinweis: Hinter den mit * gekennzeichneten, unterstrichenen Wörtern verbergen sich Panorama-Aufnahmen.

Wir sind die ersten der ganzen Bergwanderer-Karawane als wir gegen Mittag im Shira Camp (ca. 3.850 m) ankommen. Schöner trockener und ebener Untergrund, ideal für die Zelte. Wir lassen unsere Sachen von der Sonne und dem leichten Wind trocknen und machen einfach gar nichts, dazu ein schönes Bier. Es lässt sich hier gut faul sein und es ist so viel Platz, dass alle weit genug voneinander zelten können. Von überall hört man deshalb nur Gemurmel, alle sind gelassen und optimistisch. Über ganz Tanzania liegt unter uns eine Wolkendecke. Da wir jede Menge Zeit haben, macht jeder viele Fotos, wozu die Panoramen von Shira und Kibo geradezu einladen. Es herrscht eine friedliche ruhige Atmosphäre an diesem sehr schönen Nachmittag. Es ist für mich das schönste Camp unserer Trekking-Tour.

Nachdem ich viel gegessen und noch mehr getrunken habe, schreibe ich in meinem Tagebuch und genieße zwischendurch den Ausblick aus meinem Zelt auf den Mt. Meru im Westen. Etwas später kann man in südöstlicher Richtung rechts neben dem Kibo den Mond* sehen. Und sobald sich die Sonne dem Horizont zuneigt, wird es frisch hier oben im Shira Camp, aber dafür werden wir mit der berühmten Rotfärbung des Kibo belohnt. Zum ersten Mal sitze ich mit dicker Fleece-Jacke und Mütze beim Abendessen in unserem Küchenzelt und gegen 20 Uhr liege ich schon, wieder warm verpackt, im Schlafsack.

LAVA TOWER

Nach einer zufriedenstellenden Nacht, in der ich große Teile zusammenhängend geschlafen habe und in der es draußen Frost gegeben hat, stehe ich um 6:30 Uhr auf. Zuerst mache ich, wie jeden Morgen, einen Check und höre in meinen Körper hinein. Erstaunt, aber zufrieden, stelle ich fest, dass ich keine Probleme habe und mich gut fühle. Der Kibo strahlt bereits im Sonnenlicht und langsam entsteht im Shira Camp wieder diese quirlige Aufbruchstimmung, die auch mich erfasst. Die Entscheidung über die Aufstiegroute soll heute fallen. Die Ausgangssituation ist klar: Chris hat zwei alternative Routen vorgeschlagen, aber für mich, so glaube ich, ist nur die Querung unterhalb des Kili drin, allerdings ohne realistische Chance auf den Gipfel. Mit diesen Aussichten beginnt für mich der Tag und das Frühstück.

Zu unserer Überraschung schlägt Mathew den direkten Durchstieg über den Shira Trail (ohne Abstecher zum Barranco Camp) bis zum Gipfel vor, d. h. die West-Ost-Überschreitung des Kilimanjaro, mit folgender Etappenfolge: Vom Shira Plateau über Lava Tower direkt zum Arrow Glacier mit Aufstieg über Western Breach zum Uhuru Peak. Er argumentiert damit, dass dieser kontinuierliche Aufstieg, zudem auf den beiden ersten Etappen mit nur vier bzw. zwei Stunden Gehzeit, die einzige kraftschonende Variante für mich (und auch Thomas) sei. Er weißt darauf hin, dass die Querung um den Kili viele Auf- und Abstiege beinhaltet, während man insgesamt bis Barafu keine Höhe gewinnt. Dieser Vorschlag ist bestechend logisch, so dass ich nach kurzem Abwägen entschlossen ins "Lager Western Breach" wechsle und zustimme, da sich damit auf einmal eine erneute Chance, den Gipfel zu erreichen, eröffnet. Und die kraftsparenden Kurzetappen kommen mir jetzt gerade recht.

Thomas hat Bedenken, insbesondere wegen eventueller Kletterpartien, die Mathew aber ausräumen kann. Thomas stimmt schließlich, seiner vorsichtigen Grundhaltung aber treu bleibend, denn ganz wohl ist ihm dabei nicht, auch für diese neue Variante. Peter will unbedingt wegen den Pflanzen zur Barranco Schlucht, einer gewaltigen Narbe in der Flanke des Berges. Und bei Chris ist sowieso klar, dass er über Western Breach, möglichst zum Reusch Krater, will. Letztendlich kommt von Chris, an Peter gerichtet, der entscheidende Vorschlag, dass die beiden zusammen mit Auguste, eine eigene Tagestour unternehmen, zum Barranco gehen und von dort wieder zum Lava Tower aufsteigen. Da sich damit auch Peter anfreunden kann, ist heute also nicht Barranco, sondern Lava Tower das Ziel!

Peter und Chris sind schon losgezogen. Thomas und ich sind uns einig: Wir haben uns für die langsamste Möglichkeit, zum Kibo-Gipfel zu kommen, entschieden und das ist gut so. Sicherheitsbewusstes, aber chancenorientiertes Denken! Es geht erst mäßig steil und recht lange genau in Richtung Berg. Immer wieder lohnt es, sich umzuwenden und einen Blick auf Shira und Mt. Meru zu werfen. Die Landschaft verändert sich komplett. Die Moor- und Heidezone wird spärlicher und es beginnt die ewige Steinwüste. Die Sonne scheint, aber der Wind ist eisig. Erst sind wir kurzärmlig los, weil das Steigen anstrengt, aber Mathew, der uns hier erstmals anführt, geht so langsam, dass wir überhaupt nicht schwitzen. So spart man Kraft. Zeit haben wir jede Menge. Als der Kibo endlich langsam näher kommt, kreuzt irgendwann von links der South Circuit, um dann etwas später nach rechts zum Barranco Camp abzubiegen. Hier, zwischen einigen Felsbrocken und bei den letzten, schon kleineren Lobelien machen wir auf dem "Picnic-Plateau" Mittagspause und es gibt Hühnchenteile, Kartoffeln, Ei, Apfel und Törtchen.

Wir erfahren von Mathew, unserm Chef-Guide, dass er 42 Jahre alt ist und mit seiner Familie (Frau und vier Kinder) in Arusha lebt. Er ist ein an allen Bergen Tanzanias erfahrener Bergführer und hat sich einen sehr guten Ruf u. a. damit geschaffen, dass er einen Berglauf auf der Strecke Kilimanjaro "rauf und runter" in 17 Stunden bewältigte. Geduldig und verständnisvoll gegenüber den Touris, aber knallhart gegenüber seinen Leuten, wenn es darauf ankommt. Hier bestimmt er, wie, wann und in welchem Tempo es weiter geht, d. h. er ist unser aller Boss, der vielleicht noch Chris als seinen direkten Auftraggeber als "gleichrangig" akzeptiert. Es ist durchaus ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, das Mathew bewusst ausstrahlt.

Wir erreichen den Lava Tower*, den erodierten Basaltrest eines Schlotes oder einer Spalteneruption, um Viertel Zwei, wie Peter sagen würde. Recht viele Wanderer, die eigentlich zum Barranco Camp wollen, machen diesen attraktiven Umweg über Lava Tower. Die Tschechen, die in der kommenden Nacht schon aufsteigen wollen, sind schon da, ziehen aber nach einer kurzen Rast weiter. Allerdings geradeaus, hoch zum Arrow Glacier, dem "Basislager", unserem morgigen Etappenziel. Wir bleiben fast alleine, sichern uns ebene Zeltplätze im Windschatten und bauen auf.

Es gibt Krach bei den Portern, denn Mathew ist sauer und wird laut. Wieso ist erst einmal unklar. Später zeigt sich, dass es bei der gemeinsamen Nutzung einer Kochstelle von mehreren Portergruppen eine Verwechslung gegeben hat. Das Zelt von Mathew ist schon auf dem Weg eine Etappe weiter hoch. Später schnappt sich Mathew einen Porter und steigt mit ihm zum Basislager hoch und wieder runter. Sein Zelt bringt er komischerweise nicht mit. Es ist wohl nur eine Prinzipienfrage, weil man auch in Ostafrika viel Wert auf Status und Ansehen legt.

Wir haben den eigentlichen Berg jetzt erreicht und stehen fast vor der riesigen Steilwand (Breach Wall), die Reinhold Messner und Konrad Renzler 1978 auf der bisher schwierigsten Bergsteigerroute über die Eiskaskaden bis zum Diamond Gletscher bezwungen haben. Man kann den Gipfel im Prinzip sehen, aber er ist noch ca. 1.300 m über uns. Das Panorama ist gewaltig, aber zum Fotografieren schon viel zu groß, jedenfalls ohne Weitwinkel. Peter und Chris kommen mit Auguste am späten Nachmittag, sie haben sich Zeit genommen. Peter berichtet ganz begeistert von den Senecien und Mineralien, die er im Barranco Tal vorgefunden hat. Chris und Thomas steigen schnell mal auf den Lava Tower. Es geht nicht ohne Fels-Kletterei und dauert immerhin fünfzehn Minuten bis sie oben sind. Dafür haben sie einen tollen Blick auf unseren Zeltplatz. Später treffen wir uns alle zum Abendbrot am Lava Tower Pass und betrachten von dort staunend einen kleinen Gletscher, westlich des Western Breach, den wir "Sichel-Gletscher" nennen.

Wir besprechen, wie es taktisch weitergehen soll. Morgen, am Montag, werden wir ausschlafen, d. h. das Frühstück wird von 7:30 Uhr auf 9 Uhr verlegt. Danach werden wir "gemütlich" zusammenpacken und die "paar" Höhenmeter zum "Kibo Base Camp" am Arrow Glacier zurücklegen. Mittags soll es einen kleinen Imbiss und nachmittags dann Spaghetti als Kohlehydrat-Powermahlzeit geben. Des weiteren muss die Ausrüstung kontrolliert und eventuell neu zusammengestellt werden. Anschließend wollen wir uns ausruhen und versuchen, zu schlafen. Der Start zur Gipfeltour ist für Dienstagnacht 4 Uhr geplant. Noch der morgige "Ruhetag" zur weiteren Akklimatisierung im Kibo Base Camp und dann geht es los. Das Wetter ist gut, wir haben viel getrunken, unsere Höhenanpassung ist optimal und alle fühlen sich okay. Es besteht eine echte Chance, die es zu nutzen gilt.

Nach der üblichen abendlichen, wunderschönen Rotfärbung des Western Breach, die nur wenige Minuten dauert und bei der man mit dem Fotografieren ganz fix sein muss, liege ich bereits wieder um 19:30 Uhr im Zelt. Auf ca. 4.600 m Höhe (Mt. Meru-Niveau) wird es rasend schnell lausig kalt, sobald die Sonne weg ist. An die Füße ziehe ich zwei Paar Socken an, und sonst Thermo-Unterwäsche, dazu Fleece-Hose, langärmeliges Funktionshemd und Windstopper-Weste. Hört sich warm an und ist es auch, denn damit friere ich weder an den Füßen noch sonst wo. Keine Kopfschmerzen, Ruhepuls bei 80, d. h. ich habe mit der Höhe keine Probleme. Nur wenn man sich schnell bewegt, sich beim Schuhe zubinden vorbeugt oder in der Hocke auf dem Klohäuschen spürt man so etwas wie ein leichtes, diffuses Schwindelgefühl. Thomas wacht in der Nacht einmal mit Kopfschmerzen auf, aber eine Schmerztablette im Trinkwasser genügt, damit er weiter schlafen kann.

ARROW GLACIER

Kurz vor 10 Uhr laufen wir los. Es wird ein Montagsspaziergang, denn Mathew führt ganz langsam. Wir sind total über den Wolken und "hören" die Stille der Landschaft. Das Steigen geht leicht. Es ist mäßig frisch, aber blendend hell, ohne Sonnenbrille geht gar nichts. Nach 70 Minuten Ankunft in unserem Kibo Base Camp, bei ca. 4.800 m (Montblanc-Niveau) gemäß den meisten Quellenangaben, was auch mit meinem Höhenmesser übereinstimmen würde. (Im 'Trekkingreiseführer Kilimanjaro' wird die Höhe mit 4.900 m angegeben). Keiner da, denn wir sind die ersten. Die Tschechen sind schon in der Nacht losgelaufen und längst oben. Der Arrow Glacier enttäuscht, denn dieser Gletscher ist bereits stark zurückgegangen. Ansonsten befinden wir uns auf einer mit Steinen übersäten schrägen Ebene vor dem Aufstiegshang, die erst punktuell "gerodet" werden muss, damit ein Platz für das Zelt entsteht. Unsere Porter kommen bald nach uns und um 12 Uhr ist schon alles aufgebaut. Eine Quelle ist nicht zu sehen, aber einige Porter gehen zum nahen Gletscher und holen Wasser, während Mathew vom ganzen Zeltplatz den Müll einsammelt und ihn dann verbrennt. Später kommt noch eine südafrikanische Wandergruppe von der Barranco-Seite.

Ich bewundere Othman, unseren Koch und Fachmann für das gesamte "Nahrungsmittel- und Trinkwassermanagement", der am Kili eine Glanzleistung abliefert. Nicht nur die Haltbarkeit der Lebensmittel, die Zusammensetzung der Nährstoffe und die Abwechslung in der Speisenauswahl muss berücksichtigt werden, sondern auch die logistische Herausforderung des täglichen Auf- und Abbaus der "Küche" muss sicher bewältigt werden. Klar, dass nicht immer alles sofort wiedergefunden wird. So wundert es uns öfters, dass fast täglich irgendwelche Dosen neu auf den Tisch kommen, obwohl diese gerade erst am Vortag frisch angebrochen wurden. Zudem ist Othman ein Quell der Fröhlichkeit, der sich durch die tägliche Hektik der Porter nicht anstecken lässt. Er lacht gern über lustige Situationen. So beobachtet er immer wieder amüsiert Peter, der auch schon mal beim Essen mitten in der Menüfolge aufspringt und aus dem Küchenzelt rennt, weil das Licht für eine Fotoaufnahme gerade besonders gut ist. Peter wird von Othman anerkennend "Foto-Man" getauft.

Gegen 14:30 Uhr bin ich im Zelt und versuche mich etwas auszuruhen. Meine Haut ist trocken und was mich langsam nervt, sind meine ständig dreckigen Hände und staubigen Finger. Auch die Feuchttücher werden damit nur bedingt fertig. Aber trotzdem ein Lob für den Erfinder dieser kleinen, absolut unverzichtbaren Helfer für alle Körperpartien und sonstige Gegenstände. Mein Puls schwankt um die 100, sinkt dann aber doch, nach etwas Ruhe, wieder auf Werte um 80. Aufgefallen ist mir, dass ich nicht auf dem Rücken liegend, zur Ruhe kommen kann, da ich das Gefühl habe, nicht genug Luft zu bekommen. So als ob jemand meinen Brustkorb runterdrückt. In Seitenlage ist dieses Problem nicht mehr vorhanden. Seitdem die Sonne bei tiefblauen Himmel gnadenlos auf den "Zeltplatz" scheint, ist die Temperatur in der Sonne sehr heiß und die Strahlung hart. Ich liege auf meinem Schlafsack und schwitze leicht. Und heute Nacht werden es wieder etliche Minusgrade sein.

Meine Sachen für den Aufstieg sind zurecht gelegt und ich habe alles überflüssige Zeug vom und aus dem Tagesrucksack entfernt. Immer wieder denke ich an den bevorstehenden Aufstieg. Hier im Base Camp sind wir ca. 2.000 m Luftlinie vom Kraterrand (ca. 5.700 m) entfernt und ca. 900 Höhenmeter sind bis dahin noch zu bewältigen. Also, ein Aufstieg mit durchschnittlich 45 % Steigung. Wenn man vor dem Hang steht, kann einem schon mulmig werden. Die Route kann man im unteren Teil manchmal streckenweise erkennen, aber im oberen Teil sieht mein ungeübtes Auge keinen Durchstieg. Man muss viel raten, wo es denn lang gehen soll? Nur wir und der kommende Aufstieg sind noch von Belang.

Zum Spaghetti-Essen um 17 Uhr kommt Chris mit der Neuigkeit, dass Mathew, den Abmarsch auf 2 Uhr vorverlegt hat, um eine genügend große Zeitreserve zu haben. Dies bedeutet, um 1 Uhr aufstehen und fertig machen. Peter und Chris sind erst wenig begeistert, da sie meinen, wir wären in spätestens 3 bis 4 Stunden am Kraterrand, daher würde es völlig reichen, um 4 Uhr loszugehen. Sie befürchten, vor Sonnenaufgang am Kraterrand zu sein und dort dann frierend warten zu müssen, bis sie Fotos machen können. Ich sage, dass ich in dieser Höhe meine derzeitige, tatsächliche Steigleistung mit ca. 150 bis 200 Meter pro Stunde einschätze. Mathew erklärt, dass er ruhig und langsam führen wird, so dass wir incl. Pausen mit ca. fünf Stunden Gehzeit rechnen müssten, also punktgenau zum gewünschten Termin oben wären. Nun denn, es geht um 2 Uhr los. Und ich glaube, auch Thomas ist dankbar, dass Mathew es etwas ruhiger angehen will.

Immer wieder fragt man sich, was das mit der Nachtbesteigung eigentlich soll? Klar, es gibt einige sehr sinnvolle Gründe. Der Aufstieg aller Routen geht über "Schutthalden", d. h. über lockeres Material, auf dem man ständig zurückrutscht. Nachts friert es, aber dies betrifft dann auch den Boden, was das Gehen erleichtert, aber überfrorene Steine gefährlich machen kann. Außerdem ist tagsüber bei direkter Sonne im schwarzen Hang der Aufstieg eine Tortur, der zusätzlich Wasser und Kraft kostet, die man sowieso schon für den eigentlichen Aufstieg braucht. Auch die Gesamtgehzeit, für Auf- und Abstieg incl. Pausen ca. 15 Stunden, spricht für einen frühen Aufbruch, damit man nicht beim Abstieg in die Dunkelheit kommt. Hier eine Zeitreserve einzuplanen, ist für den sicheren Abstieg zweckmäßig. Und natürlich Steinschlag! Dies ist ein nicht zu unterschätzender Grund, denn nachmittags, nachdem die Sonne stundenlang auf die Wand (Breach Wall) rechts von uns, gebrannt hat, hören wir hin und wieder niedergehenden Steinschlag. Zum Glück verläuft unsere Aufstiegroute durch das Labyrinth des Western Breach* weit genug von der Steilwand (Breach Wall) weg.

WESTERN BREACH

An durchgehenden und erholsamen Schlaf ist kaum zu denken. Erst mal wirkt sich natürlich die Höhe aus. Keiner von uns vieren hat bisher eine Nacht in dieser Höhe verbracht. Hinzu kommt, dass die allgemeine Unruhe der verschiedenen Gruppen, bedingt durch Nervosität und Anspannung, den Einzelnen nur schwer zur Ruhe kommen lässt. Und als es dann doch ruhiger wird und ich eingeschlafen bin, macht sich die erste Gruppe um Mitternacht zum Abmarsch fertig und bricht mit viel Getöse auf. Durch diese "Ruhestörung" und weil meine Nase verstopft ist, kann ich nicht mehr schlafen. Abmarschfertig sind wir alle schon um 1:30 Uhr, wobei Peter wieder einmal der Schnellste und auch Unruhigste ist. Sicherheitshalber und weil die Sache mit dem Durchfall noch nicht ausgestanden ist, nehme ich noch zwei Kapseln, damit nicht der mein Darm in den nächsten 24 Stunden "explodiert". Es ist zwar kalt, aber nicht eisig, denn die Temperatur liegt nur wenige Grade unter Null. Kein Wind! Und gute Sichtverhältnisse haben wir auch, weil der Vollmond den Steilhang geradezu gespenstisch ausleuchtet.

Da ich in voller "Bergmontur" (Funktions-Unterwäsche, zwei Paar Socken, Trekkinghose, langes Funktions-Hemd, Windstopper-Weste) im Schlafsack liege, brauche ich nur die Winterhose überziehen, in die Bergstiefel steigen und diese festschnüren, die dicke Fleece-Jacke und die Goretex-Jacke überstreifen und schon bin ich fertig. Auf den Kopf kommt eine Fleece-Mütze und die Stirnlampe mit neuen Batterien, sowie an die Hände Skihandschuhe. Meine Goretex-Jacke bestücke ich mit allen vermeintlich notwendigen Utensilien wie Halstuch, Dioden-Stirnlampe, Gletscherbrille, Windstopper-Mütze, Ersatz-Handschuhe, Müsliriegel und Traubenzucker. Für den Aufstieg trage ich 1,5 Liter Wasser im Plastikbeutel mit Trinkschlauch am Körper, damit es nicht einfrieren kann. Zusätzlich habe ich noch zwei Liter Wasser im isolierten Schlauchbeutel im Daypack, so dass mein Tagesrucksack nicht schwerer als 5 bis 6 Kg sein dürfte.

Es ist Dienstag, der 15. Juli 2003, 2.15 Uhr: In Kolonne hintereinander marschieren wir los, wobei Mathew die Guideposition einnimmt, ich dahinter und dann Thomas kommt. Die zweite Hälfte unserer sechser Gruppe bilden Peter, Chris und Auguste, der Second-Guide. Die lange vor uns gestarteten Bergwanderer sind manchmal weit oben durch einen Lampenschein zu vermuten. Es beginnt im gleichmäßigen, ruhigen Schritt in Serpentinen die Geröllhalde hoch, eigentlich leicht zu bewältigen. Was dann kommt, kann ich nur als Strapaze beschreiben. Allerdings von ganz anderer Qualität als die Schlammschlacht der ersten Etappe bis zum Machame Camp, denn ich muss von Anfang an kämpfen.

Es wird steiler und felsiger, so dass ein gleichmäßiger, von mir bevorzugter Wiegeschritt nicht mehr möglich ist. Voller Frust, überhaupt nicht in einen Rhythmus zu kommen, werfe ich meine Skihandschuhe bei der ersten Pause nach etwa einer Stunde zu Boden. Zu Peter, der mich besorgt fragt, wie es mir geht, sage ich, dass ich zwar vorwärts komme, aber dass ich mit meiner Kraft haushalten muss, um nicht auszupowern. Dazu ist aber dieses Stufensteigen auf ständig wechselndem Untergrund nicht das, was mir dabei hilft. Bei annähernd gleichmäßigem Tempo komme ich bereits dann außer Atem, wenn mehrere unterschiedlich hohe Steilstufen hintereinander zu überwinden sind. Ich brauche viele Kurzpausen je höher es geht und es geht verdammt schnell hoch. Thomas wirkt auch kräftemäßig angefressen, während Chris und Peter so aussehen, als ob sie doppelt so schnell steigen könnten. Hochsehen während des Steigens frustriert enorm, weil man zwar ständig Höhe gewinnt, sich dem Kraterrand zum "Greifen" nahe wähnt, aber glaubt, nicht wirklich voran zukommen. Anfangs zwinge ich mich, nicht nach oben zu sehen. Dann brauche ich das nicht mehr, weil meine ganze Aufmerksamkeit von sich ständig wechselnden Tritt- und Bodenverhältnissen in Anspruch genommen wird.

Mathew hat uns am Abend zuvor versichert, dass der Weg eisfrei sei und wir keine Steigeisen benötigen würden. Dies stimmt weitestgehend, allerdings müssen wir im weiteren Verlauf auf einer "Aufstiegsrippe" ein altes, ca. 15 m breites Schneefeld, auf dem sich Blankeis gebildet hat, überqueren. Dies geht trotz anfänglich zeitraubender Suche nach der besten Querungsmöglichkeit und nach Ausschlagen einiger Trittstufen mit der Eisaxt ganz ordentlich. Gut, dass ich den Steigungswinkel, der vermutlich 50 Grad oder mehr beträgt, an dieser Stelle nicht genau bestimmen kann, und gut, dass ich erst viel später darüber nachdenke, wie man sich eigentlich verhält, wenn man hier wegrutscht? Dies ist so ziemlich die einzige Extremsituation, unsere Schlüsselstelle eben. Trotzdem können Vereisungen heikel werden und damit ist die Mitnahme von Leichtsteigeisen auf dieser Aufstiegsroute immer sinnvoll. Trittsicherheit, d. h. sicheres Gehen auf unterschiedlich beschaffenem Gelände, ist auf jeden Fall erforderlich. Und schwindelfrei sollte man sowieso sein.

Auf dem Steilhang müssen wir weiter nach rechts. Man sieht immer dichter vor uns unsere Vorgänger, aber eben weiter rechts. Stunde um Stunde vergeht. Die Nase läuft. Wir machen an den kritischen Stellen unsere Lampen an und laufen daher jetzt unter doppelter Beleuchtung. Ich komme bei den ruhigeren Stellen halbwegs zurecht, bei den großen Stufen (bis fast einen Meter) und der Kletterei komme ich außer Atem. Manchmal sind die Wanderstöcke dabei hinderlich, sogar für den Nachfolger gefährlich. Wir überholen nach und nach fast alle vor uns, manche auf Parallelwegen ohne es zu merken, die meisten aber bei deren Ruhepausen direkt auf dem engen Weg. Da ist nicht viel zu sagen, trotzdem gibt es Ärger zwischen unseren beiden Guides und einem Bergwanderer der südafrikanischen Gruppe. Es eskaliert als das Schimpfwort "Amerikaner!" fällt. Der Mann ist empört und will das nicht auf sich sitzen lassen, denn er sei aus Südafrika. Wir sind fassungslos.

Den Bergkamin hingegen, den wir im weiteren Verlauf erreichen und der im "Rotter" ('Trekkingreiseführer Kilimanjaro') als ausgesetzt und eigentliche Schüsselstelle dieser Aufstiegstour bezeichnet wird, erlebe ich nicht als problematisch. Ansonsten geht danach die Aufstiegsmühsal durch die Felsregion des Western Breach weiter. Und irgendwie findet sich mein Körper mit der Belastung ab, schließlich habe ich das Gefühl, auch wieder schneller steigen zu können. Hier jedoch dosiere ich ganz bewusst, meine körperliche Lage kennend, meine Kräfte. Schließlich will ich auch noch wieder heil hinunter kommen.

FURTWÄNGLER GLETSCHER

Das letzte Drittel des Anstiegs ist so steil, dass eine Umkehr viel zu gefährlich ist. Wir haben jetzt nur noch eine Chance und die heißt: Weiter aufsteigen! Gegen 6 Uhr wird es langsam dämmrig und jetzt kann man etwas mehr erkennen, wenn man zurückschaut. Vor uns ist aber immer noch eine "Wand". Es nimmt einfach kein Ende. Es ist nur noch Kampf. Dann sehen wir oben Lichtflecken. Die Sonne, die auf der anderen Seite des Berges aufgegangen ist, bescheint einige hohe Zacken von der Seite. Und damit ist es klar: Nur noch bis dahin. Es dauert noch eine halbe Stunde. Mit vereinzelt unschweren kurzen Klettereinlagen geht es weiter bis zum Kraterrand. Mittlerweile ist es schon hell und es spielt keine Rolle mehr, dass mir bereits nach zwei Stunden die nagelneuen Superbatterien für die Stirnlampe ausgegangen sind. Aber ich habe Ersatz, die Dioden-Lampe, die sich optimal bewährt.

Um 7:20 Uhr erreichen wir den Kraterrand bei ca. 5.700 m. Wer nicht dabei war, versteht es nicht: Plötzlich keine Steilwand mehr, sondern die Ebene des Kraterinneren. Mit einem Schritt ist die Welt wieder waagerecht. Auch der Blick zurück beeindruckt: Nicht nur das fantastische Panorama mit dem unter uns liegenden Wolkenmeer und der Aussicht bis zum Shira Plateau, sondern auch der ungläubige Blick auf diesen Hang, der noch steiler aussieht, als wir es beim Aufstieg erlebt haben. Schnell ein Foto vom riesigen Schatten, den der Kili wirft. Da geht auch schon an unserem Standort in wenigen Sekunden über dem Reuschkrater (Durchmesser ca. 800 m), links vor uns in der Mitte des Kibo-Hauptkraters (noch mal vom Kraterboden ca. 150 Meter höher), die Sonne auf. Schlagartig wird es mild und gleißend hell, so dass alle sofort zu ihren Sonnenbrillen stürzen. Wir haben richtiges Wetterglück, kein nennenswerter Wind. Wir sind nur fünf Stunden unterwegs gewesen, aber was für welche.

Jeder Schritt fällt unendlich leicht, und das auf knirschendem Schnee, denn der Kibo Krater (Durchmesser ca. 2.500 m) ist streckenweise mit Firn bedeckt. Die Stimmung explodiert! Und dann sind wir unmittelbar vor dem Furtwängler Gletscher, benannt nach Furtwängler, der erstmals den Kilimanjaro mit Skiern bezwang. Nur ganz wenige Touristen kommen diesem Gletscher so nahe. Absolut überwältigt und auf der weiten Ebene des Kibo-Kraters angekommen, habe ich Tränen in den Augen. Tief gerührt, etwas ausgepumpt, aber sonst ohne Probleme stehe ich inmitten dieser wunderbaren Gletscherwelt.

Chris ist schon alleine eine Zusatzroute hoch auf den Reusch Krater vorgestiegen, selbst sein Guide Auguste geht da nicht mit. Unsere Guides vertragen sich mit dem Südafrikaner, der jetzt auch gerade ankommt. Der Rest seiner Gruppe kämpft noch mehr oder weniger weit unten im Aufstiegshang. Wir schlendern gelassen, fast übermütig rechts um den Gletscher herum und unser Ziel ist klar: Wir müssen noch auf den absoluten Gipfel, den Uhuru Peak. Mathew kennt natürlich den Weg, denn er beginnt genau am Zeltplatz der Leute, die oben zelten, aber da steht heute kein Zelt. In der Ferne sehen wir Chris ganz oben auf dem Rand des Reusch Kraters. Ich werde also nicht sehen, was er gerade sieht, das Innere des Innersten, den Ash Pit, den Schlund des Kibo, aber mehr ist heute für mich nicht drin.

UHURU PEAK

Noch nicht ganz oben, gehen mir schon Gedanken an ein nächstes Mal durch den Kopf. Eine Übernachtung am Furtwängler Gletscher, so wie es das IMAX-Team im Film "Kilimanjaro. To the roof of africa" gemacht hat, ist für mich vorstellbar. Nach der Höhenanpassung und dem tagelangen Zelt- und Schlaftraining unter wechselnden Verhältnissen wäre eine Übernachtung in unmittelbarer Nähe des Furtwängler Gletschers kein Problem. Eine Kraterumrundung mit Gletschererkundung setzt zwangsläufig ein Kibo Krater Camp voraus.

Nach der Pause am Fuße des letzten Anstiegs, wie überhaupt von Anfang an, besteht kein Zweifel daran, dass wir gemeinsam zum Uhuru Peak aufsteigen. Keiner von uns zieht auch nur in Erwägung, von hier aus direkt, unter Auslassen des Gipfels, durch den Krater zum Stella Point zu gehen. Der letzte Aufstieg am Kraterinnenrand ist ein Weg in Serpentinen über Lockermaterial und wieder etwas über Treppenstufen. Da wir wissen, dass hier noch mal ein Stück "Arbeit" wartet, dies aber bereits mit unendlich schönen Ausblicken belohnt wird, machen wir uns gemächlich, aber stetig nach "oben" auf. Wir gehen noch langsamer und es dauert fast 90 Minuten, währenddessen neben Gillman's Point die Sonne hochsteigt. Von der nach dem Tiroler Bergführer Ludwig Purtscheller (er und der deutsche Verleger Hans Meyer sind die Erstbesteiger des Kibo) benannten Purtscheller Spitze, mit ca. 5.890 m keine fünf Höhenmeter unterhalb des höchsten Punktes, haben wir eine herrliche Sicht über den gesamten Kraterbereich* des Kilimanjaro.

Wir schaffen die letzten paar Meter Höhenunterschied auch noch und stehen da, wo wir hinwollen. Auf dem Dach Afrikas, dem Uhuru Peak ("Berg der Freiheit"), diesem eher unscheinbaren Gipfelplateau, das zu Kolonialzeiten von Deutsch-Ostafrika sogar Kaiser-Wilhem-Spitze hieß! Um 9:30 Uhr sind wir oben. Thomas zum 4. Mal, Chris und ich zum 2. Mal und Peter zum 1. Mal, begleitet von unseren Guides Mathew und Auguste. Die allerletzten Bergwanderer von den zwei Standardrouten Marangu und Machame sind gerade weg und der ganze Uhuru Peak gehört uns. Wie schon 2001 ist es für mich wieder beeindruckend, in diesem klaren blauen Himmelslicht die Gletscherwelt dieses Vulkanriesen bewundern zu dürfen. Konzentrische und teilweise mit mächtigen Gletschern bedeckte Kraterterrassen glänzen in der Sonne unter diesem strahlend blauen (wirklich einmalig blauen) Himmel. Der 360-Grad-Rundumblick* (Datei mit 700 kB!) ist so atemberaubend, dass ich mich mehrmals ganz langsam um die eigene Achse drehe.

Peter ist zurecht sehr ergriffen als wir uns alle gegenseitig zu diesem Erfolg, mit etwas Stolz auf die erbrachte Leistung, gratulieren. Welch ein krönender Abschluss einer fantastischen Trekkingreise mit hohem Erlebniswert! Wir legen schnell die Rucksäcke ab und holen unsere Fotoapparate raus. Natürlich machen wir jede Menge Gruppenfotos, aber auch Einzelbilder vor der Bretterwand zum Nachweis unseres Gipfelerfolges. Die Sonne steht dazu, wie immer hier morgens, eigentlich ungünstig, was uns aber nicht weiter stört.

Noch intensiver ist diesmal mein Gefühl. Gestärkt durch das Wissen meiner ersten Besteigung, d. h. mir ist alles noch sehr gut präsent, was mich erwartet, und durch den überlegten Umgang mit meiner Kraft, bin ich ganz anders in der Lage, das außergewöhnliche "Energiefeld" des Kibo-Gipfels wahrzunehmen, die Umgebung und diese Ein- und Ausblicke zu genießen. Außerdem, ein enormer Vorteil, kenne ich mich aus, d. h. ich kann die Gletscher und Orientierungspunkte zuordnen. So etwas wie ein Wiedererkennen, Wiedersehen eines sehr guten, alten Freundes beschleicht mich. Alle Anstrengungen sind einem tiefen Glücksgefühl gewichen! Natürlich macht sich die Höhe bemerkbar, aber auf eine mir bisher unbekannte Art und Weise. Der Aufenthalt und das Wandern am Gipfel unter den extremen Bedingungen dieser Landschaft gibt jedem Bergwanderer die Chance, starke Empfindungen zu verspüren: Kameradschaft, Freude und Glück. Vielleicht von der Höhe berauscht, habe ich das Gefühl, ein anderer Mensch geworden zu sein.

Man braucht Zeit, um den Geist des Ortes in sich aufzunehmen. Wir haben diese Zeit. Gerade auch deshalb und um mein Glücksgefühl möglichst lange wahrzunehmen, setze ich mich am Elveda Point (ca. 5.890 m), keine 100 m vom Gipfelpunkt entfernt, während die anderen noch ein Stück weiter zu einem Felsvorsprung gehen, um von dort den Ausblick ins Kraterinnere zu genießen. Mein Blick schweift zum nahen Uhuru Peak, den die komplette südafrikanische Gruppe mittlerweile erreicht hat. Anders als 2001, wo ich ab ca. 5.000 m nichts mehr essen konnte, sind wir diesmal so optimal an die Höhe angepasst, dass wir ganz 'oben' ein Picknick machen können. Mathew bringt mir mein Lunch-Paket und ich glaube, er versteht, dass ich allein sein will.

STELLA POINT

Wir verabreden uns für halb zwölf am Stella Point und jeder kann seine Gipfeltour angehen. Auf dem Weg zum Stella Point liegen auf der rechten Seite drei riesige Gletscher: der Kersten-, der Decken-* und der Rebmann-Gletscher, benannt nach dem Botaniker Otto Kersten, dem Abenteurer Carl v. d. Decken und dem Missionar Johann Rebmann, die an der Entdeckung des Kilimanjaro beteiligt waren. Peter, Chris und Thomas gehen zu diesen Gletschern auf dem Südhang, bummeln an deren gemeinsamer Oberkante entlang und machen viele Fotos, auch von riesigen Eiszapfen. Herrliches Licht, herrliche Atmosphäre!

Nach unserer Gipfelpause habe ich mich für den direkten "Kammweg" zum Stella Point entschieden, weil ich noch etwas hier oben bei meinem Freund, dem Kibo, bleiben will. Langsam und fast andächtig ziehe ich mit Blick auf den Mawenzi* los, begleitet von Mathew und Auguste. Zwischendurch bleibe ich oft tief bewegt stehen, schaue, fotografiere und genieße den Frieden dieses Ortes. Am Stella Point wird es mir dann doch zu warm in meiner Aufstiegkleidung und ich entledige mich der Überhose und der Goretex-Jacke. Dann heißt es Innehalten und Abschiednehmen vom Kibo-Krater. Nochmals schweift mein Blick* vom kargen Uhuru Peak auf der linken Seite, über den Kraterboden, hinten der Furtwängler Gletscher, über das Zentrum mit dem schneebedeckten Reusch Krater bis nach rechts zum mächtigen Stufengletscher (Eastern Icefield). Dankbar, dass ich das erleben darf, sauge ich diese letzten Ausblicke in mich auf. Hinter mir die Aufstiegroute vom Barafu Camp, der Geröllhang, den wir jetzt runter müssen.

BARAFU CAMP

Und es beginnt der Wahnsinnsabstieg, eher eine "Abfahrt" durch Geröll, Schotter und Staub den Hang runter, die mich wieder, aber mehr in der Konzentration, beansprucht. Ebenso übel und lästig wie über die Marangu Route vom Gillman's Point zur Kibo Hütte. Eigentlich könnte man gelassen runter stapfen, aber die Halde verleitet zum Hopserlauf. Wenn man ausrutscht, kann man sich alles brechen, was so brechen kann. Einmal bin ich im Dreck gelandet. Mathew warnt mich vor einer gefährlichen "Steinstelle", an der ich aber sowieso vorbeisausen will. Dies kann er nicht wissen. Mein Bremsversuch scheitert, ich komme ins Straucheln, drehe mich und lande auf dem Rücken direkt vor seinen Füßen. Danach bin ich vorsichtiger, brauche aber für die ersten 800 Höhenmeter nur eine Stunde. Vor allem Chris, fast übermütig abwärts springend, aber auch Thomas und Peter haben uns schon überholt, so dass ich mit Mathew allein Pause mache. Am liebsten würde ich am Fuß des Geröllhanges eine längere Mittagspause eingelegen, aber Mathew drängt auf Fortsetzung des Abstiegs, der bis zum Millenium Camp noch ca. drei Stunden dauert. Außerdem ist die große Pause im Barafu Camp vorgesehen, wo die anderen auf uns warten. So geht es weiter durch eine endlose Ansammlung von Sand, Steinen und Felsbrocken in allen Größenordnungen.

Gegen 13 Uhr Ankunft im Barafu Camp, das bei ca. 4.500 m auf einer ständig dem Wind ausgelieferten Felsrippe inmitten einer mit Geröll übersäten Mondlandschaft liegt. Hier ist ein mächtiges Gewimmel und die Atmosphäre ist geladen. Wer hier nachmittags noch da ist, will in der kommenden Nacht zur Gipfeltour aufbrechen und ist entsprechend nervös. Aber auch Tagestouristen von einem niedrigen Camp sind noch da. Das ist für diese Wanderer der höchste Punkt ihrer Reise, ein Basislager eben. Man erkennt sie leicht an ihren sauberen Sachen. Andererseits sind wir nicht gesellschaftsfähig, total verstaubt, verschwitzt, und gerötet vom Stress und der Sonne. Egal, jedenfalls sind jetzt alle froh, dass wir nicht auf dieser Seite aufgestiegen sind, denn die Schutthalde ist zu gigantisch. Immerhin haben wir es hinter uns und das auf einer Route, die nicht jeder macht, eigentlich der schwersten. Wir lassen uns Zeit und berichten anderen Trekkis von unseren frischen Gipfelerfahrungen.

MILLENIUM CAMP

Nach der einstündigen Pause geht es weiter in Richtung Millenium Camp, angeblich nur 30 Minuten, dann korrigiert auf eine Stunde. Es werden schließlich noch einmal mehr als 90 Minuten. Unsere Porter sind heute ohne uns und die Guides vom Arrow Glacier bis zum Millenium Camp um den Berg herumgelaufen. Da ist es nicht sicher, ob alles geklappt hat. Chris und Peter sind deshalb schon vorgegangen. Thomas, Mathew und ich folgen langsam. Die ersten größeren Silberbaumgewächse mit ihren weißen Blüten tauchen am Wegesrand auf. Ein Verweilen, auch um sich etwas zu erholen, lohnt sich. Es geht nicht mehr steil runter, aber für ein kontrolliertes Wandern eben doch zuviel Neigung. Man fällt immer in den nächsten Schritt und muss laufend abbremsen, das kostet viel Kraft, die nicht mehr da sein kann. Als ich in der Ferne das grüne runde Blechhäuschen des Millenium Camps sehen kann, fängt die letzte Quälerei an, denn der Weg dahin verkürzt sich einfach nicht. Mit Schmerzen in der Beinmuskulatur und kaum in der Lage noch richtig zu gehen, setze ich eher einen Fuß vor den anderen. Mathew meint auf dem letzten Kilometer dazu, ich ginge wie ein alter Mann, was auch irgendwie stimmt, denn ich gehe ja schon am "Wanderstock". Die letzte viertel Stunde des Rückwegs ist fast zuviel für mich, denn der "Akku", vorher schon auf Reserve, ist jetzt absolut leer.

Ich schaffe es, meinen Daypack abzulegen, und suche nach einer nahen Sitzgelegenheit, die ich in Form eines weichen Moospolsters inmitten der Heidezone finde. Dort mache ich es mir halbwegs bequem. Immer wieder denke ich an die Sichten des Gipfels und genieße diesen "Nachblick", während sich jede Faser meines Körpers nach Ruhe und Schlaf sehnt. Thomas, Chris und Peter versammeln sich um mich. Sie sehen schon etwas erholter aus, was aber daran liegt, dass sie sich bereits waschen konnten. Chris holt Bier für uns und wir stoßen zum ersten Mal auf unseren Erfolg der West-Ost-Überschreitung des Kilimanjaro an. Ich ziehe ein erstes persönliches Resumee und protokolliere in meinem Tagebuch die letzten Stunden. Ich bin glücklich und stolz, es tatsächlich, wenn auch unter Strapazen, geschafft zu haben. Ein Sieg von körperlicher Vorbereitung, logistischer Planung, guter Kameradschaft, starken Willen und einer großen Portion Wetterglück.

Nach dem Abendessen beginne ich gegen 19 Uhr eine ausgedehnte Schlafphase in drei Etappen. Zwischendurch, als ich so in meinem Zelt, warm verpackt im Schlafsack auf der Thermo-Matte liege, begeben sich meine Gedanken auf eine Zeitreise zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich denke an ein Mantra, in dem es sinngemäß (unter anderem) heißt: Bedenke, dass großer Erfolg mit großem Risiko verbunden ist, und messe deinen Erfolg daran, was du für ihn aufgeben musstest!

MWEKA GATE

Heute ist Mittwoch, der 16. Juli 2003, unser letzte Kili-Tag. Es ist eiskalt, Raureif auf dem Zelt und die Luft ist klar. Der Kibo liegt schon ein Stück weg, ist aber gut zu sehen. Über Nacht hat es oben geschneit und der Gipfel ist viel weißer als vorher. Unser Frühstück zwischen Erika-Riesen, eigentlich für 9 Uhr vorgesehen, wurde am Vorabend, während ich schon schlief, um eine Stunde vorverlegt. Blöd, dass ich das erst per Zufall gegen 7:30 Uhr mitbekomme, denn eine viertel Stunde später beginnen die Porter mir fast das Zelt über den Kopf abzubauen. Aber ich bin ausgeruht, nach dem Gipfelerfolg fast euphorisch, und in Rekordzeit mit dem Anziehen und Packen fertig.

Die Porter sind in Eile, denn sie wollen runter und sofort nach Hause. Chris zahlt jetzt schon die Trinkgelder aus, aber so richtig zufrieden sehen die Porter danach nicht aus. Manche Trekker zahlen offenbar mehr, aber es kann nicht jedes Mal mit dem Trinkgeld höher gehen. Trotzdem stellen sich alle auf und wir machen ein Abschiedsfoto. Danach nehmen die Porter ihre Last und flitzen los, denn sie sollen mit unserem Jeep vor unserer Ankunft nach Moshi gefahren werden. Das Camp leert sich schnell, teils nach oben, mehrheitlich aber in unsere Richtung nach unten. Gegen halb 9 Uhr gehen wir los und es liegen etwa 2.000 Höhenmeter Abstieg vor uns. Der Mweka Trail ist 2002 neu gemacht worden, am Anfang wie ein Parkweg mit Wasserableitern alle paar Meter. Als schön kann man den Weg nicht bezeichnen, schön ist lediglich der Blick auf den zurückliegenden schneebedeckten Kilimanjaro. Wir kommen schnell an die Obergrenze der Wolken und Mathew lässt uns einen letzten Blick zurück, auf den Kibo, werfen. Wir werden ihn so nah und mächtig nicht mehr wieder sehen, darum nehmen wir jetzt (für dieses Mal) Abschied vom Kilimanjaro!

Erst ist nur leichte Feuchtigkeit auf dem Weg, auf dem manchmal sogar roter Kies aufgetragen ist, aber auf dem durchragenden Felsgestein ist es schon gefährlich glatt. Dann beginnt es leicht zu regnen. Bei einer kurzen Pinkel- und Foto-Pause gehe ich als erster weiter und wir verlieren uns im Nebel aus den Augen. Ich gehe davon aus, dass ich sowieso innerhalb kürzester Zeit wieder eingeholt werde, aber daraus wird nichts. Es läuft erstaunlich gut, so dass ich durchziehe. Und einmal im "Lauf" bin ich im Nu im Mweka Camp. Da dort aber der Regenwald beginnt und es, wie der Name schon sagt, immer stärker anfängt zu regnen, mache ich keine Pause, sondern gehe zügig weiter. Alte Baumriesen und hohe Farne säumen den Weg. Es entwickelt sich eine Art "Wettlauf" mit den Portern, mit dem feinen Unterschied, dass diese aber jeder ca. 15 bis 20 kg tragen, während ich "unbelastet" gehen kann. In abschüssigen Steilpassagen sind sie schneller, aber sobald es etwas ebener wird, hole ich sie wieder ein. An einem Gegenanstieg komme ich dann endgültig vorbei und ziehe allein davon.

Für den Regen- und Nebelwald habe ich dann kein Auge mehr, ich will nur noch hinunter. Außerdem werde ich langsam, aber sicher, durch und durch nass. Ich habe keine Wechselkleidung mit (schwerer Fehler!) und kann mich also erst am Gate aus meinem Reisesack bedienen. Irgendwann, so bei etwa 2.500 m Höhe, holen mich Othman und Mathew ein, die darüber erstaunt sind, dass ich heute so schnell unterwegs bin, während ich mich noch gestern zum Schluss der Tagesetappe dahin gequält habe. Erst als ich beiden versichere, dass ich mich gut fühle, jetzt aber weiter will, geht Othman als "Tempo-Macher" und "Pfadfinder", was es für mich einfacher macht, voraus. Zu dritt marschieren wir zügig, zum Ende hin wieder auf einem Forstweg, bis zum Mweka Gate weiter. Gegen 11.30 Uhr sind wir wieder alle beieinander und trotz Regen froh. Nachdem wir uns untergestellt haben, trinken wir endlich das verdiente Bier.

EPILOG

Jetzt wird es uns nach und nach endgültig klar: Es ist geschafft, denn wir haben alles, was wir uns vorgenommen hatten, erreicht. Wir standen nach direktem Durchstieg des Western Breach über die für Bergwanderer wahrscheinlich schwierigste Route auf dem höchsten freistehenden Berg der Welt, dem Kilimanjaro! Aber diese Trekkingtour mit der West-Ost-Überschreitung war kein "Pappenstiel", sondern ein sechstägiger Kampf mit zermürbenden Schlamm, anstrengender Steigung, unangenehmer Kälte, durchdringender Feuchtigkeit, harter Sonnenstrahlung, nervigem Staub und dem "inneren Schweinehund".

Die Besteigung des Kilimanjaro erfordert ein hohes Maß an Fitness, aber keine bergsteigerischen Techniken. Der letzte Aufstieg bis zum Kibo-Gipfel, egal über welche Route, ist jedoch sehr steil und geht über loses Geröll. Dieser Trekkingabschnitt ist sehr anstrengend und erfordert Trittsicherheit. Natürlich ist ein ortskundiger Guide vor allem im Dunkeln beim beliebten "Nacht-Bergsteigen" erforderlich. Insgesamt ist diese Tour bei guten Wetterverhältnissen für geübte Bergwanderer, mit einer guten Chance auf einen Gipfelerfolg, machbar. Bergwanderer wissen aus eigener Erfahrung welchen Stellenwert körperliche und mentale Verfassung sowie die Ausrüstung haben. Auf keinen Fall darf man die Höhe unterschätzen. Nur mit gehörigem Respekt vor den Herausforderungen und mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung sollte diese Bergwander-Tour unternommen werden. Und auch dann braucht man noch das Glück, "am Berg" nicht ernsthaft krank zu werden.

Ob ich ein anderer Mensch geworden bin, weiß ich nicht, aber irgendetwas ist da oben am Kibo mit mir passiert. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass es solch eine unberührte Natur von atemberaubender Schönheit, wie am Kilimajaro, in Europa nicht mehr gibt. Eine wirklich fantastische Reise mit bleibendem Erinnerungswert liegt hinter mir. Dafür bin ich dankbar.

07. Dezember 2003

Jürgen Besser

Anmerkung von Chris: Super Bericht und ich freue mich schon mit Dir auf Kili im Feb. 2005!

KILIMANJARO 2005

Und nun geht es weiter mit Bildern von der erfolgreichen Tour 2005 mit einem Camp auf dem "Dach Afrikas" (5750 m Höhe) und einem Besuch des dampfenden Krater des Kili!

Gruppe vor dem Essenszelt auf der Umbwe Route Gipfelcamp am Furtwängler Gletscher Marsch aus dem Krater
Fotos von Links nach Rechts (2005): Gruppe vor dem Essenszelt auf der Umbwe Route; Gipfelcamp am Furtwängler Gletscher; Marsch aus dem Krater (7 Kili-Freunde mit 3 Bergführern)

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